Samstag, 29. März 2014

Das 7-Punkte System von Dan Wells


Heute möchte ich über das 7-Punkte System von Dan Wells sprechen. Seine Inspirationsquelle war der "Star Trek RPG Narrators Guide".

Wenn die ersten Ideen einer Geschichte stehen, finde ich das 7-Punkte System besonders nützlich, weil es eine ausführlichere und übersichtliche Version der 3-Akte und 5-Akte Struktur darstellt.


Das 7-Punkte System sieht wie folgt aus (Mit klassischer Heldenreise):

  • 1. Aufhänger (Hook) - Einführung von Setting und Held
  • 2. Erste Wendung (Plot Turn 1) - Problem taucht auf, Held reagiert
  • 3. Erster Kniff (Pinch 1) - Situation verschlechtert sich
  • 4. Mittelpunkt (Midpoint) - Held beginnt aktiv vorzugehen
  • 5. Zweiter Kniff (Pinch 2) - Situation verschlechtert sich nochmals
  • 6. Zweite Wendung (Plot Turn 2) - Held dreht Situation in letzter Sekunde herum
  • 7. Auflösung (Resolution) - Held siegt über das Problem

Ob man damit gut arbeiten kann, hängt natürlich stark von den eigenen Vorlieben ab. Wer gern plant, ist mit diesem System gut bedient. Es ist allerdings nicht zu ausführlich und starr, so dass beim Schreiben noch genug Freiraum für Änderungen oder Entdeckungen bleibt.

Schauen wir uns die einzelnen Punkte einmal etwas genauer an.

1. Aufhänger (Hook)
Der Gegenpol zur Auflösung in Punkt 7. Was auch immer das große Ende der Geschichte darstellt, im Aufhänger sollte das genaue Gegenteil der Fall sein.
Hauptfigur und wichtige Nebenfiguren werden eingeführt, wobei zu beachten ist, dass sich auch die Figuren von ihrem "Ich" am Ende der Geschichte unterscheiden, um genug Platz für die Charakterentwicklung zu schaffen.
Ein Konflikt, ein Geheimnis oder ein Problem beginnt sich abzuzeichnen.

2. Erste Wendung (Plot Turn 1)
Das Hauptproblem tritt hervor durch ein unerwartetes Ereignis oder eine Information. Die Handlung wird in eine neue Richtung gelenkt. Hier wird der Alltag des Helden durcheinander gewirbelt und der Leser lernt neue Figuren und Geheimnisse kennen.

3. Erster Kniff (Pinch 1)
Starker Druck lastet nun auf dem Helden, die Spannung spitzt sich zu und zwingt ihn zum Handeln.
Hier ist der Platz für die erste große Katastrophe in der Geschichte, wobei es zu beachten gilt, dass es noch möglich sein muss, die Situation erneut zu verschlechtern.
Gern wird hier auch der Antagonist eingeführt.

4. Mittelpunkt (Midpoint) 
Der Mittelpunkt stellt den Übergang von der Anfangssituation zur Endsituation dar.
Der Held wurde durch den Druck in Punkt 3 dazu gebracht nicht mehr nur zu reagieren, sondern beginnt nun aktiv zu werden, zu agieren. Er ändert somit sein Verhalten und hat bereits einen Entwicklungsschritt getan. Er beginnt sein Ziel klar zu sehen und arbeitet von nun an darauf hin.

5. Zweiter Kniff (Pinch 2)
Der Druck auf den Helden wird nochmals erhöht, die Situation verschlimmert sich und erscheint aussichtslos.
In diesem Abschnitt sterben häufig Gefährten des Helden oder sie werden durch Umstände daran gehindert ihm zu helfen, so dass er dem Problem allein gegenüber steht.
Vorher geschmiedete Pläne gehen schief. Es scheint, als würden die Gegenspieler gewinnen.
Punkt 5 stellt damit den absoluten Tiefpunkt für den Helden dar.

6. Zweite Wendung (Plot Turn 2)
Dem Helden wird die Möglichkeit zum Sieg eröffnet. Er bekommt die Chance die schreckliche Situation zum Guten zu wenden, da er den wichtigen Hinweis, den Schlüssel, das letzte fehlende Puzzlestück erhält um zu gewinnen. Im Drama gibt dieser Punkt allerdings den letzten entscheidenden Schubs in das bittere Ende.
Bei dieser zweiten Wendung kann es kitschig zugehen oder es kann große Woah-Momente mit überraschenden Informationen geben, je nachdem in welchem Genre sich die Geschichte abspielt.

7. Auflösung (Resolution)
Das Hauptproblem wird gelöst. Auch hier je nach Genre, denn im Drama können nun durchaus auch alle sterben. Meist wird jedoch in der Auflösung der Antagonist besiegt und gestraft (oder zum Guten bekehrt).
Der Held hat bis zu diesem Punkt eine Entwicklung durchgemacht und sich im Vergleich zum Anfang verändert. Meist ist er stärker und mutiger geworden.


Dan Wells empfiehlt mit "Punkt 7, Auflösung" zu beginnen, denn das Ende ist besonders wichtig, da man in der gesamten Geschichte auf diesen Punkt hinarbeitet. Es sollte dem Schreiber hinreichend bekannt sein, wenn er sich hinsetzt, um die sieben Punkte aufzulisten und den Plot zu strukturieren.
Wenn man sein Ende klar umrissen hat, dann ist es einfach, den "Punkt 1, Aufhänger" zu finden, da dieser ja das genaue Gegenteil des Endes sein sollte, für einen großen Spannungs- und Entwichlungsbogen.
Nach Punkt 7 und Punkt 1 nimmt Dan Wells sich "Punkt 4, Mittelpunkt" vor. Auch dieser Punkt ist leicht zu finden, da er der Moment ist, in dem der Held beginnt selbst aktiv zu werden.
Und so geht es nun nur noch darum, die Tiefpunkte und Wendungen einzubauen.
Zwischen Anfang und Mittelpunkt wird das Hauptproblem eingeführt und dem Helden das Leben schwer gemacht. Zwischen Mittelpunkt und Ende verschlimmert man die Lage des Helden nochmals, um dann in letzter Sekunde die entscheidende Wendung zu bringen.

Ich empfehle es, nicht nur für die Hauptstory, sondern auch für alle Subplots eine Tabelle mit diesen sieben Punkten anzulegen. Also auch für die Entwicklung des Helden, für die Liebesgeschichte oder die Abenteuer des Nebencharakters.
Alle Handlungsstränge sollten spannend geplant sein, damit sie den Leser auch interessieren.

Beispiel: 
Ich habe mir mal fix ein Beispiel aus den Fingern gesogen. Ich nenne es "Die Prinzessin von Gorn".

Hier der Storyplot (den könnte ich noch besser aufteilen, einen eigenen Plot zum Antagonisten machen, doch es soll erstmal so reichen, ist ja nur ein Beispiel):
  • Aufhänger - Im Land Gorn treibt ein böser Magier sein Unwesen, der die Macht ergreifen will
  • Erste Wendung - Der Magier bekommt eine Prophezeiung, dass die bisher geheim gehaltene Prinzessin sein Untergang sein wird
  • Erster Kniff - Der Magier überfällt ein Dorf um die dort lebende Prinzessin zu töten
  • Mittelpunkt - Die Prinzessin beschließt den Magier aufzuhalten
  • Zweiter Kniff - Der Magier tötet die Königin und sammelt ein Gefolge um sich
  • Zweite Wendung - Die Prinzessin erfährt von der Prophezeiung und entdeckt ihre großen magischen Fähigkeiten
  • Auflösung - Der böse Magier wird von der Prinzessin besiegt und Frieden herrscht wieder in Gorn

Hier der Charakterplot:
  • Aufhänger - Das burschikose Mädchen Zara hat normales Leben im Dorf bei ihrer Tante
  • Erste Wendung - Zara erfährt, dass sie eine Prinzessin ist und nun auf dem Schloss leben soll
  • Erster Kniff - Tante wird schwer verletzt, als der böse Magier das Dorf überfällt um Zara zu töten
  • Mittelpunkt - Zara verlässt das Dorf um mit königlichen Mitteln den bösen Magier aufzuhalten
  • Zweiter Kniff - Zara fühlt sich verloren im Schloss, erfährt Kritik, den Magier am Mord der Königin zu hindern gelingt ihr nicht
  • Zweite Wendung - Zara erkennt ihre wahre Macht, mit der sie den Magier besiegen kann 
  • Auflösung - Zara nimmt Pflicht als Königin an und hält ihrem Volk eine bewegende Rede

Und weil es so schön ist, hier die Lovestory:
  • Aufhänger - Zara hat kein Glück bei den Jungs, ist der wilde "Kumpeltyp"
  • Erste Wendung - Zara lernt im Schloss Adelssohn Nalon kennen, sie verstehen sich auf Anhieb und Zara verliebt sich
  • Erster Kniff - Zara erfährt, dass Nalon der Tochter des Schatzmeisters versprochen ist
  • Mittelpunkt - Zara versucht Nalon besser kennenzulernen um sein Herz zu gewinnen
  • Zweiter Kniff - Nalon distanziert sich immer mehr von Zara
  • Zweite Wendung - Zara erfährt, dass Nalon sie nur schützen wollte und dass er sie liebt
  • Auflösung - Zara und Nalon finden zueinander und sind ein glückliches Paar

Diese ganzen wichtigen Szenen passieren natürlich nicht alle gleichzeitig.
Indem man einige dieser Szenen separat behandelt, kontrolliert man die Geschwindigkeit der Geschichte und nimmt Tempo heraus. Wenn man aber wichtige Punkte aus den verschiedenen Plots in einer Szene vereint, bekommt die betreffende Szene besondere Wichtigkeit in der Geschichte. So fällt etwa der Tiefpunkt der Story mit dem Tiefpunkt des Charakters im Tod der Königin zusammen.
Ebenfalls wäre es möglich aus den Zweiten Wendungen von Story und Lovestory eine gewichtigere Szene zu entwickeln, indem Nalon nicht nur die Informationen für den Lovestoryteil überbringt sondern Zara auch von der Prophezeiung und ihrer wirklichen Macht unterrichtet, und somit beide Plots in einer Szene zusammenkommen. Diese Szenen sind in Büchern und Filmen später die, an die man sich besonders erinnert.

Für Leser, die Englisch verstehen, möchte ich hier auf Dan Wells' großartigen Vortrag mit vielen und sehr guten Beispielen zum Sieben Punkte System hinweisen, als Videos auf YouTube: Vortrag Teil 1

Ich wünsche viel Spaß beim Plotten mit dem Sieben Punkte System.



1 Kommentar:

  1. Hallo
    ich bin durchs retweeten auf Deinen Twitteraccount gestossen und dadurch auf Deinen Blog und da sprang mich dieser Artikel regelrecht an ;-)
    Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich Dein Layout super schön finde, sehr liebevoll gestaltet und vor allem einprägsam mit Wiedererkennungswert.
    Jetzt zu diesem Artikel:
    Ich kannte das Sieben Punkte System nicht, es erinnert mich aber stark an die Schneeflocken-Methode, nur das es "biegbarer" zu sein scheint (ein großer Pluspunkt!). Deine Erklärung dazu und vor allem die Beispiele gefallen mir sehr gut. Allerdings scheine ich auch irgendwie auf dem Schlauch zu stehen: Wären diese drei Beispiele z.B. in der selben Geschichte möglich? Oder ist Bsp. 1 und 2 für einen Fantasy-Roman, Bsp. 2 und 3 für einen Liebesroman?
    Wenn alle drei für dieselbe Geschichte gelten würden, wie würde sich daraus die Geschichte ergeben? In Bsp. 1 ist die Hauptperson der Mager, in Bsp. 2 und 3 die Prinzessin.
    Wie gesagt, ich steh wahrscheinlich gerade auf dem Logikschlauch. Vielleicht kannst Du mir runterhelfen?
    Viele Grüße aus Rendsburg ;-)

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